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Agenturen im KI-Transformationsdruck

    Wenn alles auf dem Spiel steht: Warum Agenturen sich heute neu erfinden müssen

    Ein Blick hinter die Kulissen einer Branche im Ausnahmezustand

    Manchmal wünschte ich mir, ich könnte die Welt für einen Moment anhalten. Nur kurz, damit wir alle durchatmen, nachdenken und wirklich begreifen können, was da gerade passiert. Aber die Realität ist: Wir leben im radikalsten Wandel der Wirtschaft seit der Industrialisierung. Künstliche Intelligenz, Automatisierung, neue Plattformökonomien und sich rasant wandelnde Konsumgewohnheiten setzen sämtliche Branchen unter Druck. Gerade Agenturen und kreative Dienstleister spüren diesen Druck so intensiv wie kaum jemand sonst. Wenn du also in dieser Branche unterwegs bist, dann weisst du: Stehenbleiben ist heute keine Option mehr.

    Die letzten Monate haben verschiedene Entwicklungen an die Oberfläche gebracht, die zeigen, wie tiefgreifend der Wandel bereits ist. Und ganz ehrlich, ich glaube nicht, dass wir davon sprechen können, wie man sich auf die Transformation vorbereitet. Nein, wir sind mittendrin. Wer jetzt nicht grundlegend umdenkt und handelt, verliert den Anschluss. Und damit meine ich nicht in fünf Jahren, sondern vielleicht schon in fünf Monaten.

    Der Druck auf Unternehmen ist brutal – und er kommt von allen Seiten

    Ich hab einige Gespräche mit Kunden geführt. Fast durch die Bank höre ich dasselbe: “Wir können mit dem Tempo nicht mithalten.” Auch grössere Player wie Versicherungen oder Banken kämpfen damit, ihre Strukturen anzupassen. Das liegt einerseits an den internen Legacy-Systemen, andererseits an einem Markt, der sich gefühlt täglich neu erfindet. Die Erwartungen der Kunden steigen rasant, sie vergleichen heute nicht mehr innerhalb der Branche, sondern mit dem besten digitalen Erlebnis, das sie kürzlich irgendwo hatten. Wer da nicht mithalten kann, wirkt sofort veraltet.

    In einem aktuellen Artikel auf cash.ch wird aufgezeigt, dass 70 Prozent der Mitarbeitenden in Schweizer Unternehmen die KI-Revolution positiv sehen. Klingt gut. Gleichzeitig ist da eine riesige Unsicherheit darüber, wie man dieses Potenzial eigentlich in konkrete Konzepte giesst. Denn was bringt mir eine grossartige Innovation, wenn mein Unternehmen gar nicht schnell genug reagieren kann? Die Technologie ist da, oft sind sogar die Ideen vorhanden. Was fehlt, sind Unternehmensstrukturen, die darauf ausgelegt sind, echte digitale Transformation umzusetzen.

    Agenturen am Limit: Alte Modelle funktionieren nicht mehr

    Besonders hart trifft dieser Wandel Agenturen. Die klassische Agenturstruktur basiert auf Prozessen, die für eine lineare Welt gemacht waren. Also für Zeiten, in denen man ein jährliches Marketingbudget hatte, sich lange Gedanken zu einer Kampagne machen konnte, der Kunde in grosser Abhängigkeit stand und man dann mit viel Aufwand etwas Grosses lancierte. Heute funktioniert das nicht mehr. Marken müssen in Echtzeit reagieren, Kampagnen ständig justieren, neue Touchpoints bespielen und dabei gleichzeitig ihre Effizienz massiv steigern.

    Schau dir zum Beispiel den aktuellen Bericht auf SRF zum Trend “Slop” in den sozialen Medien an. KI-generierter Content, völlig übersättigte Reizüberflutung, massenhaft Videos, die so billig aussehen, dass sie schon wieder viral gehen. Die Leute klicken trotzdem drauf. Oder gerade deshalb. Diese Entwicklung zeigt drastisch, wie verrückt der Contentmarkt geworden ist. Und was das für Agenturen bedeutet? Sie müssen Content produzieren, der auffällt, emotional funktioniert, gleichzeitig skalierbar ist und oft in Echtzeit optimiert wird aber nur für wenige Sekunden Aufmerksamkeit erhält. Viel Glück mit deinem alten Creative-Prozess von 2015.

    Zeit für eine radikale Neuausrichtung

    Für Agenturen bedeutet das: Wer überleben will, muss sich neu aufstellen. Und zwar nicht ein bisschen, sondern komplett. Das geht nur, wenn man aus den alten Denkmustern ausbricht. Ich spreche hier nicht von kosmetischen Veränderungen oder dem Aufsetzen eines KI-Arbeitskreises im Unternehmen. Nein, ich rede von einer echten Transformation des Selbstverständnisses.

    Agenturen müssen Tech Player werden. Kreativität allein reicht nicht mehr. Sie brauchen Datenkompetenz, Prozess-Know-how, skalierbare Tech-Strukturen und ein tiefes Verständnis für agile Methoden. Die Trennung zwischen Beratung, Kreation und Umsetzung löst sich immer mehr auf. Alles muss miteinander verbunden sein, und zwar nahtlos, schnell und effizient.

    Der Plaid-CEO bringt es im Business Insider auf den Punkt: Künstliche Intelligenz wird unsere Finanzen steuern. Und wenn KI soweit ist, Finanzströme autonom zu verwalten, wird sie sicher auch bald Briefings erstellen, Content bewerten, Zielgruppen segmentieren und vielleicht sogar kreative Ideen ausspucken. Klar, sie ersetzt keine gute Idee, aber sie verändert massiv, wie sie entsteht und wo der menschliche Beitrag beginnt und endet.

    Die Transformation ist real und sie passiert schneller, als die meisten denken

    Es gibt ja immer noch Leute, die glauben, das sei alles Zukunftsmusik. Doch das ist längst nicht mehr der Fall. Im Immobilienbereich etwa war vor kurzem in 20 Minuten zu lesen, dass automatisierte Prozesse in der Verwaltung von Wohnobjekten inzwischen Standard werden. Gleichzeitig warnen Experten davor, dass diese Automatisierung oft ohne Überblick erfolgt und kritische Aufgaben von Systemen übernommen werden, die bei weitem nicht fehlerfrei sind. Trotzdem ist auch hier klar: Der Drive zur Automatisierung ist nicht aufzuhalten. Wer bremst, verliert.

    Auch die Schweizer Politik hat erkannt, dass der Transformationsdruck massiv steigt. Im Beitrag des ORF wird deutlich, wie umfassend über Regulierungen, Datenschutz und neue Arbeitsmodelle gesprochen wird. Die Zeiten, in denen man Technologien abwarten konnte, sind vorbei. Ob ETH Zürich, Startups aus Lausanne oder Tech-Hubs in Zug: Die Schweiz ist mittendrin in der Transformation und muss sich nun entscheiden, ob sie nur mitfährt oder den Takt vorgibt.

    Was bedeutet das für uns?

    Wenn du mich fragst, stehen wir an einem historischen Wendepunkt. Wir sehen die Auflösung alter Geschäftsmodelle, gleichzeitig eröffnet sich eine Welt voller neuer Möglichkeiten. Die Frage ist nicht, ob wir den Wandel mitmachen wollen. Die Frage ist, ob wir ihn mitgestalten oder von ihm überrollt werden.

    Gerade in der Schweiz haben wir einen entscheidenden Vorteil: Innovationskraft, qualitativ hochstehende Ausbildung und eine starke Infrastruktur. Aber das allein reicht nicht. Es braucht jetzt Mut zur Veränderung. Entscheider, die bereit sind, ihr eigenes Geschäftsmodell in Frage zu stellen. Teams, die nicht an alten Erfolgen festhalten, sondern sich trauen, neue Wege zu gehen. Und Agenturen, die mehr sind als kreative Dienstleister, nämlich strategische Technologiepartner, die Marken helfen, diesen Wandel intelligent zu navigieren.

    Und wie stellen wir das an?

    Ich glaube, es beginnt mit Ehrlichkeit. Wir müssen uns eingestehen, dass vieles, was bisher funktioniert hat, nicht mehr zukunftsfähig ist. Dass Prozesse, die einst als Best Practice galten, heute ein Klotz am Bein sind. Und dann müssen wir anfangen, neu zu denken. Weg von Projektgeschäft, hin zu Plattformdenken. Weg vom statischen Planen, hin zu iterativen, datengetriebenen Strategien. Und schliesslich weg von One‑Size‑Fits‑All, hin zu echten, individuellen Client Experiences, die nicht nur auf Reichweite abzielen, sondern auf Relevanz.

    Wer das schafft, hat eine echte Chance, nicht nur am Markt zu bleiben, sondern ihn mitzugestalten. Und wer weiss, vielleicht entstehen gerade jetzt ganz neue Agenturkonzepte, die besser zur Zeit passen als alles, was wir bisher kannten.

    Was ich dir mitgeben will: Fang nicht morgen an, fang heute an. Frag dich, was du tun würdest, wenn deine Agentur heute neu gegründet würde. Würdet ihr denselben Aufbau wählen? Die gleichen Services anbieten? Die gleiche Preisstruktur fahren? Wahrscheinlich nicht. Und genau deshalb solltest du es ändern.

    Und falls du an einem Punkt bist, wo dir der Wandel mehr Angst als Lust macht, dann lass dir eines gesagt sein: Du bist nicht allein. Viele sitzen gerade im selben Boot. Was zählt, ist, dass du anfängst zu rudern – und nicht wartest, bis der Sturm dich erwischt.