Die grosse KI-Ermüdung und warum ich mir mein eigenes Werkzeug gebaut habe
Ich sitze an meinem Schreibtisch und starre auf einen Bildschirm, der mir sagt, dass ich noch drei weitere KI-Tools ausprobieren muss, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Das war im Frühjahr 2023. Heute, gut drei Jahre später, frage ich mich manchmal, ob wir nicht alle Opfer eines kollektiven Hypes geworden sind. Nicht dass ich die Technologie infrage stelle. Ich bin schliesslich seit 2023 tief in dieser KI-Bubble drin, habe Zertifikate gesammelt, komplexe Projekte umgesetzt und Menschen kennengelernt, die ähnlich besessen wirken wie ich. Aber es gibt da etwas, das mich zunehmend stört. Es hört einfach nicht auf.
Wer in diesen Tagen durch die digitale Landschaft streift, wird mit Neuigkeiten bombardiert. OK, das politische Weltgeschehen dominiert, aber geht man aber nur ein Stück hinein in die KI Bubble. Also verfolgt zum Beispiel den YouTube Kanal von Everlast AI erlebt folgendes: Was gestern noch als revolutionär galt, ist heute bereits veraltet. Was heute als der neue König gefeiert wird, stirbt morgen einen stillen Tod in irgendeinem Serverraum. Schon morgen stehen die Roboter vor der Tür und drücken dir die Post in die hand. Dieses Tempo macht etwas mit uns. Es macht uns müde und unsere Gehirne können das nicht wirklich greifen.
Der Thronwechsel im Millisekunden-Takt
Erinnern Sie sich an ChatGPT? Natürlich tun Sie das. Es war der unangefochtene König unter den KIs, das Werkzeug, das alles verändert hat. Dann kam Gemini und plötzlich sprach jeder von Google’s Antwort auf OpenAI. Jetzt ist es Anthropic Claude, das in aller Munde ist und die Benchmarks im Coding topt. Drei Throne in drei Jahren. Lustig ist dabei zu beobachten wir die KI Enthusiasten nun ihre mühevoll gebauten GPTs von OpenAI zu Anthropic migrieren wollen und diskutieren, was wohl hier der beste Weg ist. Aber was zeigt das. Die Sehnsucht nach einem Zuhause wo ich in Ruhe mein Business aufbauen und weiterentwickeln kann. Das Bedürfniss ist auch absolut nachvollziehbar. Waren es doch früher Microsoft, Adobe, Apple, Google usw. Nun entstehen neue Ökosysteme und es ist erst der Anfang. Das ist kein gesunder Wettbewerb mehr. Das ist ein Rennen, bei dem die Zuschauer kaum noch aufstehen können, ohne den nächsten Führungswechsel zu verpassen.
Nehmen wir noch Sora als Beispiel. Die KI-Videoanwendung von OpenAI wurde 2024 mit grossem TamTam angekündigt, das selbst Hollywood nervös gemacht hat. Wir sollten alle daran glauben, dass die Video-Produktion nie mehr dieselbe sein würde. Und jetzt? Eingestampft. Der Stern, der so hell leuchten sollte, ist erloschen, bevor er richtig aufging. Das ist keine Kritik an OpenAI. Das ist eine Diagnose des Zustands unserer Branche. Wir feiern Hypen, bevor wir verstehen, ob sie überhaupt halten, was sie versprechen.
Und dann sind da noch die alten Hasen. Midjourney startete 2022 und wirkte damals wie das Ende aller Bildgeneratoren. Heute, gerade einmal drei Jahre später, wirken sie wie Metusalems in diesem KI-Spektakel. Drei Jahre! In keiner anderen Branche würde man einen Dreijährigen als Greis bezeichnen. Hier ist das Normalzustand. Das ist nicht normal.
Ihn dürfen wir nicht vergessen das grosse Enfant terrible der Tech Branche Elon Musk. Er wirft nun XChat auf dem Markt um Millarden Menschen aus Whatsapp in seine neue spektakuläre Messanger Umgebung zu locken. Der Markt ist also enorm in Bewegung. Es gibt kaum ein Tool mehr das ohne KI gestützten Chatbot auskommt.
Die Agenten kommen, ob wir wollen oder nicht
Als wäre der ständige Wechsel bei den Chatbots nicht genug, sehen wir uns nun mit einer Armada von Agenten konfrontiert. Autonome KI-Systeme, die unser Arbeitsleben erleichtern sollen. Und ich gebe zu, sie können das. Ich habe selbst mit Vibe-Coding und n8n Projekte realisiert, von denen ich nie gedacht hätte, dass ich sie jemals umsetzen könnte. Die Technologie ist beeindruckend. Aber sie bekommt mehr und mehr Zugriff auf unsere Rechnerinfrastruktur. Das Credo heisst „KI-Autonomie“. KI, die selbstständig entscheidet. KI, die ohne unser Zutun handelt. KI, die tief in unsere Systeme eindringt.
Ich frage mich, ob wir wirklich verstanden haben, was wir da anstossen. Wir öffnen Türen, ohne zu wissen, wer oder was dahinter steht. Die Parallelität ist dabei kaum zu übersehen. Während wir unsere digitale Autonomie an KI-Systeme abgeben, braucht die Welt mehr Energie denn je. Rechenzentren, die diese Modelle antreiben, verbrauchen Strom wie mittlere Industriestädte. Das ist kein Sturm im Wasserglas. Das ist ein Tsunami, der längst über uns hereingebrochen ist.
Die Disziplin des Weglassens
Was mich an dieser ganzen Entwicklung am meisten beschäftigt, ist nicht die Geschwindigkeit des Wandels. Es ist die Ermüdung, die daraus entsteht. Wer jeden Tag mit neuen Ankündigungen konfrontiert wird, lernt irgendwann, den Kopf wegzudrehen. Das ist keine Dummheit. Das ist Schutz. Deshalb brauche ich Disziplin und bewusstes KI-Detox. Die Nachrichtenkanäle stumm schalten. Sich darüber freuen, Dinge ganz klassisch zu erledigen, ohne dass die KI dem Ganzen ihren Stempel aufdrückt.
Ich bin ein absoluter KI-Fan. Ich interessiere mich für neue Technologien und bin fasziniert von dem, was möglich ist. Aber ich sehe auch die Kehrseite. KI kann Kreativität beschleunigen, das habe ich in meinen eigenen Projekten erlebt. Sie kann aber auch Kreativität abtöten, wenn wir nicht aufpassen. Wenn wir ihr zu viel Raum geben. Wenn wir aufhören, selbst zu denken. Das führt uns zurück in die Eigenverantwortung. Wir müssen sehr klar entscheiden, wann wir dieses Werkzeug nutzen und wann wir es beiseite legen.
Es ist so einfach geworden mit KI zu kommunizieren. Das ist die Gefahr. Einfachheit verführt zur Bequemlichkeit. Bequemlichkeit verführt zum Verzicht auf eigenes Denken. Ich habe in den letzten drei Jahren Menschen kennengelernt, die aufgehört haben, eigene Texte zu schreiben. Die ihre Kreativität vollständig an einen Algorithmus abgegeben haben. Das sind keine Einzelfälle. Das ist ein Trend.
Die Flucht in die lokale Autonomie
Was wir aus diesem Zirkus lernen können
Wenn ich auf die letzten drei Jahre zurückblicke, sehe ich eine Branche, die sich selbst überholt. Die Learnings aus meiner ersten Ausbildung sind bereits komplett überholt. Das ist in der Tech-Branche nichts Neues. Aber die Geschwindigkeit, mit der das passiert, hat eine neue Dimension erreicht. Wer 2022 in den Markt eingestiegen ist, hat eine Entwicklung gesehen, die sich in früheren Jahrzehnten über Jahrzehnte erstreckt hätte.
Die Guten Learnings an dieser Entwicklung sind die Möglichkeiten. Ich konnte komplexe Projekte umsetzen, von denen ich nie gedacht hätte, dass ich sie realisieren kann. Ich habe Menschen kennengelernt, die mich inspiriert haben. Ich habe Wissen angehäuft, das in früheren Zeiten einem Studium entsprochen hätte. Das ist der Gewinn.
Die Schlechten sind die Ermüdung und die Abhängigkeit. Wer nicht aufpasst, wird zum Konsumenten von Werkzeugen, die er nicht kontrolliert. Wer nicht aufpasst, gibt seine Kreativität an Systeme ab, die ihm nicht gehören. Wer nicht aufpasst, verliert die Fähigkeit, Dinge ohne KI zu erledigen. Das sind keine theoretischen Risiken. Das sind Entwicklungen, die ich in meinem Umfeld beobachte.
Die eigene Infrastruktur als Antwort
Meine Entscheidung, eine eigene Umgebung zu bauen, war nicht nur eine technische. Sie war eine Haltung. Ich arbeite lieber an Werkzeugen, die ich kontrolliere, als an Werkzeugen, die mich kontrollieren. Das klingt dramatisch. Ist es aber nicht. Es ist die logische Konsequenz aus einer Branche, die gelernt hat, Abhängigkeiten als Geschäftsmodelle zu verkaufen. Token hier, Token dort. Abo für dieses Modell, Abo für jenes Feature. Wer nicht aufpasst, zahlt am Ende für Werkzeuge, die ihn einschränken statt zu befreien.
Die Schweiz hat eine Tradition der Unabhängigkeit. Vielleicht ist das der Grund, warum ich diesen Weg gegangen bin. Vielleicht ist es auch nur der praktische Verstand, der mir sagt, dass ich nicht für jedes Problem eine neue Lösung kaufen muss, wenn ich mir die Lösung selbst bauen kann. Vibe-Coding und n8n waren die Werkzeuge dazu. Das Ergebnis ist ein Arbeitsplatz, der mir gehört. Nicht OpenAI. Nicht Google. Nicht Anthropic. Mir.
Wohin führt das alles? Ich wünschte, ich hätte eine klare Antwort. Die Realität ist, dass niemand weiss, wie diese Landschaft in drei Jahren aussehen wird. Wer weiss, ob lokale KI dann noch eine Rolle spielt. Wer weiss, ob die grossen Anbieter nicht längst Wege gefunden haben, uns noch tiefer in ihre Ökosysteme zu ziehen. Wer weiss, ob Agenten nicht die vollständige Kontrolle übernommen haben.
Was ich weiss, ist, dass Eigenverantwortung wichtiger wird. Dass die Entscheidung, wann wir KI nutzen und wann wir sie weglassen, nicht delegiert werden kann. Dass der Aufbau eigener Werkzeuge und Fähigkeiten der beste Schutz gegen Abhängigkeit ist. Das sind keine revolutionären Erkenntnisse. Das sind Grundwahrheiten, die wir in der Euphorie der letzten Jahre vergessen haben.
Die KI-Bubble ist ein spannender Ort. Sie ist voller Möglichkeiten, voller innovativer Menschen und voller technologischer Durchbrüche. Aber sie ist auch voller Lärm, voller Hypen und voller Versprechen, die nicht gehalten werden. Wer hier überleben will, muss lernen, das Rauschen vom Signal zu trennen. Das braucht Zeit. Das braucht Übung. Das braucht vor allem den Mut, Dinge wegzulassen.
Drei Jahre KI-Bubble haben mir gezeigt, dass Technologie ein Werkzeug ist, kein Lebensentwurf. Wer sich von ihr überrollen lässt, verliert die Kontrolle über seine Arbeit und letztlich über seine Kreativität. Wer sie hingegen als das nimmt, was sie ist, kann Projekte realisieren, die früher undenkbar waren. Die eigene Infrastruktur aufzubauen ist dabei kein technischer Selbstzweck, sondern eine Haltung. Eine Entscheidung für Autonomie in einer Zeit, die uns Abhängigkeit als Fortschritt verkauft. Das Rauschen wird nicht leiser werden. Die Frage ist nur, ob wir ihm zuhören oder ob wir unseren eigenen Weg gehen.