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Salesforce ersetzt Entwickler durch KI

    Agentforce übernimmt: Warum das Ende der klassischen Entwicklerrolle näher rückt, als uns lieb ist

    Salesforce, KI und der Moment, in dem ein CEO mehr als nur ein Produkt verkauft

    Man reibt sich kurz die Augen, liest nochmal nach, doch die Worte stehen da, schwarz auf weiss. Marc Benioff, CEO von Salesforce, sagte kürzlich in aller Deutlichkeit, was viele in der Tech-Welt nur hinter vorgehaltener Hand diskutieren: Seine Ingenieure sind plötzlich so produktiv geworden, dass er schlicht keine neuen mehr braucht. Kein Gag. Kein Zukunftsszenario. Sondern die Realität eines der grössten Tech-Unternehmen der Welt. Für viele in der Branche ist das ein Schock. Für andere ein lautes Aufwachen in eine neue Realität.

    Ein neuer Takt: Produktivität ersetzt Wachstum

    15’000 Software-Ingenieure. Diese Zahl steht seit Monaten still, während das Unternehmen selbst weiter wächst. Doch statt aufzustocken, reduziert Salesforce an anderer Stelle: Im Kundenservice wurden Stellen bereits um 50 Prozent abgebaut. Und der Hiring-Stopp für Entwickler wurde von ganz oben kommuniziert. Der Grund dafür? Interne KI-Agenten erledigen inzwischen einen Grossteil der Routinearbeiten. Sie schreiben Code, testen Features, validieren Sicherheitspakete – Aufgaben, für die man früher drei Personen brauchte, erledigt heute ein Bot in Sekunden.

    Benioff formuliert das neue Mantra des Unternehmens wie folgt: „Code ist billig, Erklärung ist alles“. Die rasante Automatisierung durch KI sorgt dafür, dass das Schreiben von Code selbst zur Commodity geworden ist. Was wirklich zählt, ist Verständnis. Beratung. Das Management der KI-Systeme. Und die Fähigkeit, den Kunden zu zeigen, was dieser technologische Wandel für sie bedeutet.

    Von Software zu Agenten: Der Aufstieg von „Agentforce“

    Wenn du dachtest, Salesforce sei mit seinen CRM-Lösungen schon genug mit Buzzwords ausgelastet, dann halt dich fest. Denn nun rollt Benioff mit einer neuen Idee durchs Silicon Valley, die selbst Hardcore-Techies kurz innehalten lässt: Agentforce. Das ist der Name der internen KI-Plattform von Salesforce – und vielleicht bald der neue Name des ganzen Unternehmens.

    Rund 12‘000 Kunden in 39 Ländern nutzen die neue Plattform bereits. Agentforce ist nicht einfach ein schicker Aufsatz für Software, sondern ein System aus autonomen KI-Bots, das Unternehmen erlauben soll, ohne zusätzliche Entwickler oder Support-Spezialisten zu skalieren. Die KI analysiert Daten, schlägt Massnahmen vor, reagiert auf Kundenanfragen, schreibt Aufgaben-Tickets und passt Prozesse in Echtzeit an. Es ist ein betriebswirtschaftlicher Game-Changer. Was früher Monate brauchte, geschieht nun auf Knopfdruck.

    Was das für Entwickler bedeutet (auch in der Schweiz!)

    Und jetzt kommst du. Entwickler, Tech-Enthusiast, oder vielleicht jemand, der gerade an einem Bootcamp für Webentwicklung teilnimmt. Vielleicht sitzt du in Zürich, Genf oder Luzern und folgst voller Vorfreude deinem Traum, bald in die IT-Branche einzusteigen. Die Realität? Sie hat sich verändert. Und zwar schneller, als vielen von uns bewusst ist.

    Die Wahrheit ist: Die reine Fähigkeit, guten Code zu schreiben, verliert gerade zusehends an Relevanz. Aber ist sie obsolet? Auf keinen Fall. Was früher ein Alleinstellungsmerkmal war, ist heute baseline. Denn KI erledigt bereits weit mehr, als viele Jobs erfordern. Und sie wird täglich besser. Klinische Genauigkeit ohne Kaffepausen und Krankenstand. Ein Code-Review nach dem anderen. Was also jetzt? Das Grundverständnis muss weiter existieren. Ohne dieses Gesamtverständniss entlasse ich die KI in die komplette Autonomie. Und das wäre fatal.

    Jetzt zählen andere Fähigkeiten mehr: Soft Skills wie Kommunikation, Kundenverständnis, Prozessverständnis, Analysekompetenz aber auch knallharte Entwicklerkompetenzen, mit dem Wissen wo es hakt und wie Code sinnvoll eingesetzt wird sind wesentlich. KI bietet Entlastung, ersetzt aber nicht Kompetenzen die weit über das Schreiben von Quellcode hinaus gehen. In der Schweiz, einem Land mit ohnehin hoher Lohnstruktur, wird diese Entwicklung besonders sichtbar. Denn Firmen mit Sitzen in Zürich, Basel oder Lausanne stehen stark unter dem Druck, effizienter zu werden. KI ist für sie eine wirtschaftliche Notwendigkeit. Und das heisst: Der Bedarf an klassischen Coderinnen und Codern nimmt ab. Aber der Bedarf an sogenannten „KI-Flüsterern“ steigt. Es heisst also nicht das das Berufsbild nicht mehr benötigt wird, sondern es verändert sich fulminant und so rasant, eben weil es benötigt wird.

    Es geht nicht nur um Technologie, sondern auch um Taktik

    Aber Moment: Heisst das jetzt, dass Salesforce wirklich keine Entwickler mehr braucht? Oder wird hier einfach eine smarte Geschichte erzählt, um das eigene KI-Produkt in Szene zu setzen? Genau an dieser Stelle lohnt sich ein zweiter Blick. Denn neben den Aussagen von Benioff gibt es auch kritische Stimmen zur aktuellen Lage.

    Das Video von Tech-Analyst David Shapiro bringt eine plausible Gegenposition ins Spiel: Oft sei die Begründung „KI ersetzt Arbeitnehmer“ nur ein kommunikativ geschickter Move, um eigentliche Ursachen zu verschleiern. Zum Beispiel schlechte Unternehmenszahlen, gescheiterte Wachstumsstrategien oder notwendige Restrukturierungen. Wer sagt „Die KI übernimmt“, bekommt Applaus für Fortschrittsdenken. Wer sagt „Wir reduzieren Stellen wegen finanzieller Probleme“, nicht so sehr.

    Auch das sollte man im Kopf behalten. Denn Technologie kann, wenn schlau eingeführt, stark sein. Aber sie wird nicht in jedem Fall der echte Grund für Veränderungen sein. Und auf diesem schmalen Grat zwischen Innovation und Augenwischerei bewegen sich viele Unternehmen gerade.

    Von der Zeile Code zum Kundenverständnis: Können wir das?

    Wenn man diesen Wandel ernst nimmt, stellt sich noch eine unbequemere Frage: Sind wir überhaupt bereit dafür? Denn die meisten Tech-Ausbildungen, Bootcamps und selbst viele Hochschulprogramme sind weiterhin stark darauf fokussiert, Leuten beizubringen, wie man Software schreibt. Doch schreiben wird in Zukunft nur noch ein kleiner Teil dieser Arbeit sein. Der andere Teil? Wird daraus bestehen, wie man mit der KI zusammenarbeitet. Wie man User Needs interpretiert. Und wie man eine KI-Infrastruktur erklärt, verkauft und operationalisiert.

    Das provoziert. Verständlich. Denn gerade hier in der Schweiz haben viele KMUs und Start-ups erst begonnen, offensive Digitalisierungsstrategien überhaupt zu formulieren. Jetzt plötzlich sollen sie ihre menschlichen Entwickler „ersetzen“? Natürlich nicht sofort. Aber die Dynamik ist da. Wir stehen am Anfang einer Transformation, die alle betrifft. Von der ETH bis zum einst kleinen SaaS-Startup in Bern.

    Aber ist das jetzt gut oder schlecht? Die grosse Frage

    Wenn du das liest, spürst du die Ambivalenz vielleicht genauso wie ich. Auf der einen Seite ist es faszinierend, wie stark wir durch KI produktiver, schneller, effizienter geworden sind. Allein die Vorstellung, dass kleine Teams heute in drei Wochen schaffen, wofür man früher ein Jahr und 20 Leute brauchte, ist beeindruckend. Auf der anderen Seite droht eine soziale Schieflage. Denn jeder Produktivitätsgewinn durch Technologie führt zwangsläufig zu der Frage, was mit den Menschen geschieht, die das früher gemacht haben.

    Sind wir am Anfang einer massiven Beschäftigungskrise? Oder erleben wir gerade einfach nur die nächste normale Evolutionsstufe des Arbeitsmarkts, ähnlich wie beim Übergang von der Landwirtschaft zur Industrie? Die Antwort liegt wahrscheinlich irgendwo dazwischen. Wie immer.

    Was du jetzt tun solltest, egal ob Senior Dev oder Newbie

    Mehr denn je ist es wichtig, aktiv zu bleiben. Wenn du Entwickler bist, dann frag dich konkret: Kannst du mit KI-Systemen zusammenarbeiten? Weisst du, wie man ein Prompt formuliert? Verstehst du, was ein autonomer Agent mit deinem Code macht? Hast du ein Gefühl dafür, wie du einem Kunden erklärst, warum dieser KI-Agent ein Problem lösen kann oder nicht? Wenn nicht, dann ist genau jetzt der Moment, das zu lernen.

    Und wenn du gerade erst einsteigst, dann setz deinen Fokus nicht nur auf Sprachen wie Java oder Python. Lerne lieber, wie du dich in ein komplexes System eindenkst. Wie man Fragen stellt. Anforderungen versteht. Systeme orchestriert. Und wie man das Ganze verständlich kommuniziert. Denn da liegt künftig der wahre Wert. Nicht mehr in der Zeile Code – sondern in der Geschichte, die du dazu erzählen kannst.

    Ich bin sicher: Die Jobs werden nicht verschwinden. Aber sie verändern sich in enorm. Radikaler, schneller und grundsätzlicher als alles, was wir bisher kannten. Und wer mit diesem Wandel geht, muss nicht nur technisch fit sein, sondern vor allem bereit, alte Sichtweisen loszulassen.

    Willkommen in der Ära der Agenten

    Salesforce hat nicht einfach ein neues Produkt lanciert. Das Unternehmen hat einen neuen Zeitgeist definiert. Mit Agentforce soll eine neue Ära beginnen, in der Software nicht mehr einfach nur Programme ausführt, sondern führt, entscheidet, gestaltet. Man kann das gut finden oder beängstigend. Aber man kann es nicht ignorieren.

    Für uns in der DACH-Region ist das der Weckruf, Technologie nicht mehr nur technologisch zu denken. Sondern menschlich. Kommunikativ. Systemisch. Und lösungsorientiert. Denn eines ist klar: Zu lernen, wie KI funktioniert, ist das Eine. Zu verstehen, wie man damit echten Mehrwert generiert das Andere.

    Quellen:

    • https://www.itpro.com/business/business-strategy/marc-benioff-salesforce-software-engineering-hiring-flat-ai
    • https://youtu.be/daCC7EiDNPM?si=v7tYZuswQvKKClUg