Ich habe kürzlich gedanklich eine Zeitreise unternommen beim Aufräumen einer alten Festplatte, zurück in die 90er Jahre, als ich Design studierte und meine ersten Gehversuche mit Photoshop 4 machte. Aktuell sind wir bei Version 27 dieses umfassenden Bildbearbeitungswerkzeug. Photoshop kam 1990 auf die Welt und veränderte die Medienlandschaft. QuarkXPress gab es zwar schon etwas länger, doch mit Photoshop wurden Dinge möglich, die Kreative zum Jubeln brachten.
Mein Start in die digitale Welt
Ich selbst startete 1996 mit Photoshop 4 in mein digitales Designer Leben, damals an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach am Main. Parallel dazu blieb meine Welt aber noch weitgehend analog. Zeichnen und Scribbeln war Teil des kreativen Prozess, heute eher eine Seltenheit. Meinen ersten Mac habe ich noch verstanden und das Betriebssystem liess sich technisch noch erfassen. Man teilte die Software per CD Roms. Diese „Raubkopien“ gingen durch viele Hände und wurden wie heisse Ware behandelt. Schlussendlich sicherte das die Verbreitung von Adobe Produkten, sodass ein Blockbuster den Markt dominierte, Macromedia schluckte und QuarkXpress mit der Dongle Strategie sein Ableben einläutete. All das, während die Modems fröhlich in dieser Zeit auf unseren Schreibtischen piepten und krächzten.
Digitalkameras kamen auf den Markt und ermöglichten mehr Vielfalt. Neuartige Plakate und Magazine entstanden aus der Photoshop Werkzeugkiste, Collagen wurden digital gebaut, Stop Motion entstand am heimischen Küchentisch und GIF Animationen liefen am Fliessband. David Carson, ein einflussreicher US-amerikanischer Grafikdesigner und Typograf, revolutionierte die visuelle Kommunikation der 1990er. Er galt als Pionier des „Grunge-Designs“ und war dafür bekannt, konventionelle Gestaltungsregeln radikal zu brechen. Gleichzeitig blieb vieles noch analog. Wir verabredeten uns in der Mensa trafen uns an neuralgischen Orten und geöhnten uns langsam an den E-Mail Verkehr über AOL.
Das erste massentaugliche Nokia kam Ende der 90er, SMS waren das höchste der Gefühle, mobiles telefonieren war teuer und wurde sparsam genutzt. An LinkedIn oder Facebook dachte niemand, verabreden per Mobiltelefon war bereits ein kleiner kultureller Umbruch.
Die neue Inflation der Aufmerksamkeit
30 Jahre später ist die Welt grundlegend anders. Kommunikation ist inflationär geworden. Es sprudelt und regnet Posts über alle Plattformen, Emojis ersetzen nüchterne Worte, und künstliche Intelligenz legt nochmals den Turbo ein, um in einer Welt, die nach Aufmerksamkeit giert, noch mehr Information unter die Menschen zu bringen. Wahrheit oder Lüge spielt zunehmend eine untergeordnete Rolle. Bilder und Videos lassen sich nicht mehr sicher unterscheiden, echt oder generiert verschwimmt vor unseren Augen. Informationen können kaum verarbeitet werden, weil sie sofort von neuen Informationen ersetzt werden. Swipen macht es möglich. Länder verbieten Kindern und Jugendlichen den Socialmedia Konsum.
Gleichzeitig liegt uns ein unendliches Spektrum an Möglichkeiten zu Füssen. Ein Bäcker kann an einem Wochenende seine Webseite bauen. Eine Buchhalterin programmiert sich ein eigenes Rechnungsablagesystem. Menschen schreiben Bücher mit Unterstützung von KI-Modellen, denen das früher nie in den Sinn gekommen wäre. Komplexe Reisen durch mehrere Länder lassen sich in Minuten planen.
Wie ich gelernt habe, mit der Welle zu schwimmen
Seit der Geburtsstunde von ChatGPT Ende 2022 hat mich das Thema gepackt. Ich bin früh eingetaucht, habe gelernt und beobachtet. Dabei fiel mir etwas auf, das unangenehm ist und gleichzeitig reizvoll. Sachen, die ich gelernt habe, veralten schneller als früher. Der Entwicklungsrhythmus ist enorm. Modelle entwickeln sich in so kurzer Zeit weiter, dass erste Geschäftsmodelle innerhalb weniger Monate obsolet werden. Beständigkeit ist ein Luxus geworden.
Meine Strategie ist nicht Nostalgie oder reflexhafte Ablehnung. Es geht darum, die Dynamik zu verstehen, mit der Welle zu schwimmen und die eigenen Fähigkeiten daran auszurichten. Nicht alles, was technisch möglich ist, verstehe ich automatisch. Den Motor eines VW Käfers konnte ich noch auseinandernehmen und begreifen. Das Innenleben eines modernen E-Autos erschliesst sich nicht so leicht. Das bedeutet: Wir müssen Technologie in Teilen vertrauen oder Mechanismen bauen, die Vertrauen erzeugen. Wenn ich Quellcode von einer KI generieren lasse, den ich nicht vollständig verstehe, brauche ich Kontrollinstrumente, Prüfalgorithmen und Monitoring. Ausgerechnet die Systeme, die wir bauen, helfen uns dabei, sie zu überprüfen. Agentensysteme sind längst Teil unserer Prozesse geworden. Was einst ein Wahrscheinlichkeitsrechner war, wirkt heute wie ein Multiexpertensystem, das viele kleine Aufgaben autonom erledigt. „Shit in, Shit out“ gilt weiterhin, aber Systeme lernen Kontext und Nutzer besser kennen, sodass einfache Eingaben oft immer brauchbarere Ergebnisse liefern.
Grössere Zusammenhänge
Daten sind das wertvollste Gut dieser Entwicklung. Technologie braucht sie als Nahrung, und daneben natürlich Strom. Das führt zu politischen, wirtschaftlichen und ethischen Fragen, die nicht delegierbar sind. Wem gehören Daten, wem gehört die Wahrnehmung, und wer bestimmt, welche Narrative dominant werden? Wer entscheidet, welche Automatisierung sinnvoll ist und welche Risiken sie birgt? Das sind keine technischen, sondern gesellschaftliche Fragen, die wir beantworten müssen, während sich die Technologien weiterentwickeln.
Ich bleibe nicht der nostalgische Beobachter, der den Kopf schüttelt, wenn etwas Neues auftaucht. Ich bin neugierig, kritisch und bereit, mich zu bilden. Ich halte es für eine der wichtigsten Aufgaben, Vertrauen und Kontrolle in Einklang zu bringen. Wir dürfen nicht zum goldenen Kalb laufen und blind glauben, nur weil die Maschine etwas produziert. Wir müssen verstehen können, überprüfen können und, wo nötig, nachsteuern.
Auf den Punkt gebracht
- Ich bin fasziniert von den Möglichkeiten, die seit den 90er Jahren entstanden sind. Die Menge an Information und die Geschwindigkeit ihres Wechsels sind beängstigend und befreiend zugleich.
- Technologie veraltet schnell, Beständigkeit wird seltener, deshalb ist kontinuierliches Lernen Pflicht.
- Vertrauen in Systeme ist notwendig, aber es muss durch Kontrolle und Prüfinfrastruktur ergänzt werden.
- Daten sind die Hauptnahrung moderner Systeme. Daraus folgen politische und ethische Aufgaben, die wir aktiv gestalten müssen.
Klar, die 80er und 90er haben mich geprägt und die Einflüsse wirken bis heute. Ich bin dankbar, dass ich soviel Veränderung und Transformation in den letzten 30 jahren habe erleben dürfen. Das hat mich bestärkt immer Teil dieser Entwicklung zu sein, sie für mich zu nutzen, sie zu verstehen und kritisch zu begleiten.